
„Die Talsohle im Tourismus ist überwunden, die Reiselust der Bundesbürger ungebrochen“, zu diesem Schluss kommt Dr. Ulrich Reinhardt, Tourismusexperte der Stiftung für Zukunftsfragen. 42 Prozent der Deutschen sitzen gedanklich bereits auf gepackten Koffern.
Im Durchschnitt verreiste 2009 noch jeder zweite Bundesbürger fünf Tage oder länger (50 %), damit lag die Reiseintensität auf demselben Niveau wie 2008. Dennoch zog sich eine fast schon dramatische Spaltung durch die Gesellschaft. Dieses verdeutlicht u.a. ein Vergleich von Berufsgruppen: So leisteten sich vier Fünftel aller Beamten eine Reise (80 %), bei den Arbeitern waren es dagegen nur etwa halb so viele (41 %).

Eine noch größere Kluft zeigt sich beim Einkommen: Die Besserverdienenden (Haushaltsnettoeinkommen über 3.500 €) verreisten ganz selbstverständlich in die Ferien. Für drei Viertel von ihnen ist die jährliche Reise fast obligatorisch (74 %) und zwei Fünftel (39 %) dieser Einkommensgruppe gönnten sich 2009 sogar zwei und mehr Reisen. Davon können die Geringverdienenden (Haushaltsnettoeinkommen unter 1.000 €) nur träumen: Nur jeder Fünfte (20 %) konnte sich einen Urlaub leisten. „Es hat sich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in Mobile und Immobile herausgebildet. Die einen machen sich mehr Gedanken um Reiseziele als um das Reisebudget, während die anderen immer öfter rechnen und sparen müssen und ihren Urlaub oftmals auf Balkonien oder in Bad Meingarten verbringen“, so Reinhardt.
Spanien Spitzenreiter vor Türkei und Italien
Ungebrochen ist die Popularität der Urlaubsdestination Spanien für die Bundesbürger. Mehr als jede achte Reise (13,2 %) führte in das Territorium der Iberischen Halbinsel. Von solchen Gästezahlen kann selbst das zweitplazierte Italien (6,9 %) nur träumen, das zudem immer mehr die Konkurrenz der Türkei (6,6 %) spürt. Die Türkei hat Österreich (4,1 %), Griechenland (3,3 %), Skandinavien (2,1 %) und Frankreich (1,8 %) deutlich hinter sich gelassen und kann sich auf weitere Zuwächse einstellen.

Reisedauer 2009 lag konstant bei 13 Tagen
Die durchschnittliche Reisedauer betrug 2009 genau 13 Tage. Damit setzte sich der Trend der letzen zehn Jahre mit knapp zwei Wochen weiter fort. Der Traum von (noch) längeren Ferien blieb weiterhin unerfüllt. Lediglich jeder achte Urlauber (13 %) verreiste drei Wochen und länger. Ein direkter Zusammenhang zeigt sich zwischen der Entfernung des Urlaubsziels und der Dauer der Reise. So dauert ein Urlaub zwischen deutschen Küsten und Bergen lediglich etwa zehn Tage (10,2). Auch Österreich kann die deutschen Touristen nur elf Tage bei sich begrüßen. Dagegen dauert ein Besuch rund um das Mittemeer – also in der Türkei, in Griechenland, Italien oder Spanien mit jeweils etwa 14 Tagen deutlich länger.
Stagnation verzeichnete – erstmals seit Jahren – der Kurzreisemarkt (2,8 %). Der Gewinner des vergangenen Jahrzehnts musste vor allem beim Städtetourismus deutliche Rückschläge verkraften.
Reisekosten 2009 – billig wie seit Jahren nicht mehr
1.038 € lassen sich die Deutschen ihren Urlaub im Durchschnitt pro Person kosten. Damit bleibt das Urlaubsbudget ungefähr auf dem Stand von 2004 (1.025 €). In diesen Kosten sind nicht nur die reinen Reise- und Unterkunftskosten enthalten, sondern auch alle Nebenausgaben vom Essengehen und den Ausflügen über Eintritte bis zu Souvenirs und Trinkgeldern.
Bei der Analyse der Ausgaben und Reisedauer nach Lebensphasen ergeben sich bemerkenswerte Unterschiede: Ruheständler bleiben mit 14 Tagen am längsten vor Ort – sie verfügen auch über das größte Zeitbudget und geben vor Ort überdurchschnittlich viel Geld aus (1.095 €). Die relativ kurze Verweildauer vor Ort von nur 10,6 Tagen bei den jungen Erwachsenen passt zu dem begrenzten Urlaubsbudget (790 €). Das meiste Geld für den Urlaub geben kinderlosen Paare aus (1.198 €), die zudem auch lange vor Ort bleiben (13,2 Tage).
Deutsche geben in Österreich 899 Euro aus
Die Reiseziele rund um das Mittelmeer bewegen sich alle auf einem ähnlichen Preisniveau um 1.200 €. Von solchen Umsätzen pro Gast kann dagegen Österreich nur träumen. Die Alpenrepublik verdient mit 899 € deutlich weniger als die Konkurrenzziele.
Deutsche Reiseziele 2010 – Österreich droht Verlust
Bei den Reisezielen für das Reisejahr 2010 plant knapp jeder vierte Bundesbürger, seinen Urlaub im eigenen Land zu verbringen (22 %). Jeder Dritte will ins europäische Ausland (33 %) und jeder Zehnte (10 %) will als Reiseziel eine außereuropäische Destination anfliegen. Mehr als ein Drittel der Bürger mit festen Reiseabsichten (35 %) hat sich noch nicht entschieden, welches Land 2010 das Ziel sein soll. Unangefochten wird Spanien (9,2 %) auch in diesem Jahr das beliebteste ausländische Reiseziel sein.

Die Türkei (4,8 %) kann hoffen, Italien (4,0 %) vom zweiten Platz zu verdrängen. Aber auch die nordafrikanischen Ziele von Ägypten über Tunesien bis Marokko (2,6 %) können relativ optimistisch in die Zukunft schauen, wohingegen Österreich (3,2 %) und Griechenland (1,6 %) ein weiterer Verlust an Marktanteilen droht.
Alle Reisedestinationen vom Schwarzwald bis zur Karibik dürfen jedoch weiterhin auf die große Gruppe der Unentschlossenen bauen, die nur auf das richtige Angebot warten, um dann in den Urlaub zu entschwinden.
Reisewünsche und Tourismuspotenziale – Berg- und Wanderurlaub feiern Comeback
Die Urlaubsinteressen der Reisenden sind vielfältig. Für fast jedes Segment gibt es Interessenten. Bei einer genauen Analyse zeigt sich jedoch: Nicht jede Urlaubsform kann auf steigende Gästezahlen hoffen. Einige müssen sich eher um ihr Stammpublikum sorgen und weniger über neue Zielgruppen nachdenken. Die größten Potenziale sind dem All-Inclusive-Segment zu bescheinigen. Fast zwei von fünf Bundesbürgern zeigen hieran Interesse (37 %). Es folgt knapp dahinter der klassische Erholungsurlaub (35 %) und leicht zurück die Anmietung eines Feriendomizils (28 %) sowie eine Fernreise (25 %).

Kurz danach – vielleicht der Gewinner der Zukunft – der Kreuzfahrtreisemarkt (19 %), bei dem Wunsch und Wirklichkeit heute noch sehr weit auseinander liegen. Auf bestenfalls Stagnation muss sich der Städtetourismus einstellen (20 %), wohingegen dem Berg- und Wanderurlaub (11 %) sowie dem Camping-tourismus (10 %) ein Comeback bevorstehen und Zuwächse erwartet werden können.
Innerhalb der Bevölkerung werden hierbei sehr unterschiedliche Präferenzen geäußert:
Am Städte- (22 %) und Kulturtourismus (16 %) zeigen Singles das stärkste Interesse. Medical-Wellness und Berg-/Wandertourismus (jeweils 15 %) bleiben für die Best Ager (50-64 Jahre) interessant. Jugendliche wünschen sich Wohnwagentrips (23 %) und wollen campen gehen (31 %).Ein Hang zum Abenteuerurlaub ist bei jungen Erwachsenen vorhanden (32 %). Busreisen sind für Ruheständler relevant (27 %). Und Familien haben großes Interesse an Ferienhäusern (48 %).
Quelle: http://www.stiftungfuerzukunftsfragen.de/